Liebe Freunde des Cercle de l’Ill,
Ich habe mich gefragt, welchen Grund ich angeben sollte für meinen Entschluss, zu diesem Zeitpunkt die Präsidentschaft des Cercle abzugeben. Ein guter Freund, der hier anwesend ist, hat mir auf die Sprünge geholfen. Er sagte mir: Du hast Recht mit Deiner Entscheidung. Wenn man einen Laden verkaufen will, sollte man es tun, wenn die Geschäfte gut laufen… Das ist der Grund… Danke, Gérard, für die richtige Erklärung! Und ich bin zufrieden, denn ich habe einen ausgezeichneten Käufer gefunden!
Thomas Zahn ist ein langjähriger Freund. Wir arbeiten seit rund 10 Jahren zusammen. Wir haben die gleiche Vision für unsere grosse Region, das gleiche Verständnis der Rolle, die unser Cercle in dieser Region spielen kann. Ich weiss, dass wir in ihm einen Präsidenten haben, der mit Umsicht und Geschick und in Beachtung der gemeinsamen ethischen Regeln den Cercle leiten wird.
Gilles Auberger wird ihm in seiner wichtigen Funktion als Generalsekretär zur Seite stehen. Er teilt dieselbe Einstellung und bringt darüberhinaus den Schwung und die Kreativität seiner Generation mit ein.
Es sei mir gestattet, an diesem Punkt die Frage nach Sinn und Zweck des Cercle de l’Ill zu stellen. Warum ist er überhaupt gegründet worden?
Ich habe es niemals hingenommen und werde es auch niemals hinnehmen, dass wir in dieser unserer Region am Oberrhein nicht wie andere grosse Regionen Europas betrachtet werden. Seit 5 Jahrhunderten ist dies eine Region der geistigen und kulturellen Lebendigkeit und Schaffenskraft, die sich mit der anderer europäischer Zentren messen kann. Die Künste finden hier einen fruchtbaren Boden. In vielen Bereichen der Wirtschaft stehen wir in Bezug auf Innovation und Kreativität an erster Stelle. Unsere Universitäten geniessen hervorragendes Ansehen.
Und doch …
Die Welt hat sich verändert, und wir haben nicht immer die erforderliche Grösse. Unser Fachwissen ist beachtlich, aber zersplittert und gelegentlich in seiner Entfaltung behindert. Unsere Initiativen sind zahlreich, sie werden aber nicht immer aufgegriffen und weitergetragen. Ständig werden neue Ideen entwickelt, aber häufig versickern sie einfach im Sande der globalisierten Welt.
Nehmen wir das kulturelle Leben. Vor einigen Tagen habe ich mir die Courbet-Ausstellung angesehen, die von der gesamten französischen Presse als Weltereignis gefeiert wurde. Ich stand noch unter dem Eindruck des Labyrinths von Sälen mit ihrem geräuschvollen Parkett, mit Wänden, die für jede Ausstellung in einer neuen grotesken - aber sicher als chic empfundenen - Farbe überstrichen werden, mit den engen, ja halsbrecherischen Treppen zwischen den Ausstellungsebenen - all dies hatte einen provinziellen Charme! Doch wir befanden uns im Grand Palais, der mit grossem finanziellen Aufwand restauriert worden war. Aber die Republik ist ja immer sehr grosszügig, wenn es sich um Pariser Baudenkmäler handelt… Im Vergleich dazu möchte ich die Ausstellung des grossen norwegischen Malers Munch nennen, eine Ausstellung von atemberaubendem Reichtum in der glanzvollen Galerie Beyeler, hier bei uns …
Wo ist die Hauptstadt wirklich? Wo ist das Zentrum Europas? Gelingt es uns in ausreichendem Masse, unsere Reichtümer ins rechte Licht zu rücken? Schenken wir den Schätzen vor unseren Augen hinreichend Beachtung?
Ähnliche Feststellungen würden für viele andere Bereiche zutreffen.
Um diesen Schwächen zu begegnen, gibt es nur eine Möglichkeit: unsere Kenntnisse, Fähigkeiten, Ideen und unsere Schaffenskraft besser und entschlossener zusammenzulegen. Wieviel Zeit geht nicht verloren, wenn sich Denker, Akademiker, Forscher, Künstler und Unternehmer im Elsass niederlassen und Mühe haben, ein geeignetes gesellschaftliches Betätigungsfeld zu finden! Wo es doch so wichtig ist, miteinander sprechen, sich austauschen und vergleichen zu können! Und indem man sich auf die Erfahrungen anderer stützen kann, hilft man der eigenen Entwicklung auf die Sprünge.
Als ich 1990 ins Elsass zurückkam, ist mir sehr schnell klar geworden, dass sich die Welt vergrössert hatte, während das Elsass geschrumpft zu sein schien. In der Realität des Alltags blieb das Elsass abgeschottet, und die Beziehungen zwischen den 3 Nachbarländern blieben gespannt. Natürlich war die institutionelle Zusammenarbeit inzwischen sehr aktiv, aber die Kontakte im Alltag beschränkten sich auf den grenzüberschreitenden Bereich. Im übrigen beinhaltet der Ausdruck grenzüberschreitend zunächst das Eingeständnis, dass eine Grenze besteht, wobei wir alles daransetzen, diese zu überwinden.
Es musste ein anderer Weg gefunden werden.
Es galt, die persönlichen Kontakte zu pflegen und auszubauen, um sich besser kennenzulernen und gegebenenfalls gemeinsame Projekte zu entwickeln und durchzuführen.
Wir brauchten einen grösseren Raum, um unsere geringe individuelle Grösse wettzumachen. Unsere Begegnungen mussten auf die 3 Nachbarländer am Oberrhein - Frankreich, Deutschland, die Schweiz - ausgedehnt werden. Zum ersten Mal in diesem Bereich haben wir uns für eine europäische Perspektive entschieden.
Wir mussten auch den engen, rein beruflichen Rahmen sprengen. Der Gedanke, dass jede Arbeit ihren Wert hat und gewürdigt werden muss, ist in unseren Regionen entstanden. Es galt, alle Berufe miteinander in engen Kontakt zu bringen, damit sie sich austauschen und gegenseitig befruchten und somit allen Beteiligten neue Horizonte eröffnen konnten.
Wir brauchten eine Rezept, das die Pflege gesellschaftlicher Beziehungen bei gleichzeitiger Beachtung einiger klarer Regeln ermöglichte - ganz nach dem Temperament der Elsässer, und noch mehr der Deutschen. So kam es auch zu der berühmten 10-Uhr-Regel, die - wie böse Zungen behaupten - ausreicht, um den Cercle de l’Ill zu beschreiben: es sei ein Verein, bei dem man um 22 Uhr die Tafel aufhebt …
Strenge Anwesenheitsregeln, die häufig andere Clubs kennzeichnen, haben wir von vornherein abgelehnt. Es ging uns nie darum, auf der Anwesenheit bekannter Persönlichkeiten zu bestehen, deren Terminkalender ohnehin überquillt. Wer zum Cercle kommt, tut es, weil er eine gewisse Vision für unsere Region teilt, und nicht, weil er die Teilnahme an einem Abendessen als Pflichtübung sieht.
Das sind die Ideen, die zur Gründung des Cercle geführt haben.
Er ist dann auch gleich sehr erfolgreich gewesen: in wenigen Jahren stieg die Mitgliederzahl von 70 auf 400; heute sind es bereits mehr als 600. Sie werden dem Cercle in den kommenden Jahren die Ausrichtung geben, die angebracht ist. Dafür gibt es kein Patentrezept, aber es gibt positive Intuitionen, die zum richtigen Zeitpunkt mit Entschlossenheit verwirklicht werden können.
Diese Ideen wurden von allen geteilt, und die Aufgaben wurden immer in Teamarbeit erledigt.
Da denke ich zuerst an die Mannschaft unserer Mayflower, dieses zerbrechlichen Boots, das nach einem denkürdigen Mittagessen im Isehuet im Jahr 1990 von den Ufern der Ill ablegte. Unser Steuermann war Martine Arnold, die die ersten Mitglieder gewinnen konnte und sich in den ersten schwierigen Jahren unermüdlich für den Cercle einsetzte. Martine hat eine ausschlaggebende Rolle gespielt. Sie hat die richtigen Personen für den Cercle gewinnen können, hat es verstanden, Pannen zu vermeiden, und hat weder an persönlichem Einsatz noch an Auskunftbereitschaft gespart.
Horst Weitzmann hat sich ohne zu zögern unseren Vorschlägen angeschlossen. Er war unser Mann in Baden, aber sein Ansehen reichte weit über Baden hinaus. Horst war der Garant für unsere wachsende Mitgliedschaft in Deutschland, und diese Partnerschaft verschaffte unserem Projekt auch in Frankreich stärkere Glaubwürdigkeit.
Bald erforderte die wachsende Anzahl unserer Mitglieder die Einrichtung einer Kartei und die Erstellung von Sitzordnungen; es mussten Restaurants gefunden werden, die uns in angemessener Weise bewirten konnten. Es war Frau Steinmetz, die in den ersten Jahren des Cercle die gesamte Logistik aufbaute. Danach übernahm Frau Annie Neboux diese Aufgaben mit grossem Talent, und sie wiederum wurde abgelöst von Géraldine Flurer, die diesen Aufgaben seither mit grossem Engagement, mit Geschick und Diplomatie nachgeht, damit die zahlreichen Wünsche und Erwartungen der Mitglieder erfüllt werden und alles perfekt ist.
Eigentlich müsste ich Sie alle einzeln und persönlich nennen, denn Sie alle haben etwas beigetragen, um den Cercle zu dem zu machen, was er heute ist.
Im Namen des Cercle wie in meinen Namen danke ich Ihnen. Sie haben mit dem Cercle ein einmaliges Werkzeug in Händen, auf das unser altes Europa stolz sein kann. Möge er hier an den Ufern der Ill und des Rheins ein Elixir der Jugend sein!